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Der Einflussbereich des Hukou

Warum ist der monetäre Aspekt für chinesische Mitarbeiter von so großer Bedeutung?

Ein Blick auf das chinesische Ausbildungssystem und Institutionen wie den Hukou beantwortet diese Frage und gibt Hinweise für den Recruitment-Prozess.



Das Ausbildungssystem in China ist vergleichbar mit der deutschen Struktur, jedoch sind der Lernaufwand und der Druck, den die Schüler schon in jungen Jahren erfahren, sehr viel höher. Bereits in der Grundschulzeit lernen die Kinder teilweise bis acht Uhr abends. Nach der Schule werden Hausaufgaben gemacht. Freizeitaktivitäten dienen meist dazu, die zukünftige Karriere des Nachwuchses zu fördern. So werden beispielsweise typisch amerikanische Sportarten gewählt, um die Aufnahme an einer amerikanischen Universität zu erleichtern.


In China ist man bis zur 9. Klasse schulpflichtig, danach findet die Oberstufenaufnahmeprüfung, „Zhongkao“ genannt, statt. Der erfolgreiche Abschluss der Oberstufe ist Voraussetzung, um an der nationalen „Gaokao“ teilzunehmen, dem Äquivalent zum Abitur. Die Gaokao ist einer der härtesten Abschlüsse weltweit. Sie ist, anders als das Abitur in Deutschland, eine absolute Prüfung. Leistungen aus den Vorjahren oder mündliche Noten haben keinerlei Auswirkungen auf das Abschlussergebnis. Von den rund zehn Millionen chinesischen Schülern, die jährlich an der Prüfung teilnehmen, bestehen etwa die besten sieben Millionen. Nur ein Bruchteil davon hat das Privileg, auf eine der neun Top-Universitäten in China gehen zu dürfen.


In den zwei bis drei Tagen, an denen die Schüler zur Gaokao antreten, herrschen nahezu Ausnahmezustände. Straßen werden gesperrt und laute Geräusche wie Baustellenlärm oder das Betätigen einer Hupe untersagt, damit die Schüler sich beim Lernen besser konzentrieren können. Auch werden spezielle Drohnen eingesetzt, die mögliche Betrüger oder Fälschungsversuche von Schülern rechtzeitig ausfindig machen können. Teure Zusatzkurse an Abenden, Wochenenden und in den Ferien sind fast schon Pflicht, um sich auf die Gaokao vorzubereiten. Es gibt selbst spezielle Haushaltshilfen, die Schüler in den Tagen vor der Prüfung versorgen und sie mental unterstützen. Inzwischen hat sich eine ganze „Gaokao-Economy“ gebildet und selbst Bootcamps zur Prüfungsvorbereitung sind mittlerweile ein Geschäftsmodell.


Selbstverständlich ist all dies mit hohen Kosten verbunden, die die Eltern nicht selten finanziell an den Rand der Existenz treiben. Das erhöht den Druck auf die Kinder zusätzlich. Ist absehbar, dass das Kind die Gaokao nicht schafft, schicken wohlhabende Eltern ihre Kinder zum Studium in den Westen. Mehr als 300.000 chinesische Studenten gehen jährlich in die USA, wo die Studiengebühren um die 30.000 US-Dollar pro Semester betragen. Jerry Tong, Academic Mentor bei EBF international Shanghai, der chinesische Schüler in Shanghai auf die Aufnahmeprüfungen für die USA vorbereitet, erklärt, die Schüler müssten mindestens 80 Punkte in dem standardisierten Sprachtest Toefl erreichen, um ein ausreichendes Englisch vorzuweisen (100 Punkte entsprechen Muttersprachlerniveau). Viele Studenten, die nicht gut Englisch sprächen und trotzdem ins Ausland geschickt würden, verfielen oft in das Muster, im kleinen Kreis von anderen chinesischen Studenten zu bleiben, und lernten dadurch weder Sprache noch die Kultur. Als Ergebnis sind diese im Ausland Studierenden oftmals schlechter ausgebildet als ihre Kommilitonen in der Volksrepublik. Die Frustration bei den Studenten ist groß und führt zu einer zusätzlichen mentalen Belastung, auch bei Kindern wohlhabender Eltern.


Anhand dieses kurzen Einblicks in das Lernsystem ist zu erkennen, wie viel Erfolgsdruck auf den Schultern der Kinder lastet und welch prägende seelische Belastung dies für sie darstellt. Es gibt darüber hinaus aber noch weitere spezielle chinesische Institutionen wie das Hukou-System, das die individuellen Entscheidungsräume in China stark beeinflusst.


Der Hukou entscheidet über die Ausbildung

Das Hukou-System ist ein staatliches Haushaltsregistrierungssystem, das erfasst, wo chinesische Bürger geografisch leben, und ihnen Bildungs-, Gesundheits- und Sozialleistungen zuweist. Daneben dient es als Identifikationsdokument und ist somit ein wichtiges Verwaltungsinstrument für die Regierung. Im Hukou werden unter anderem der Name des Besitzers, die Namen seiner direkten Verwandten und die Adresse erfasst.


Im Folgenden wird Shanghai als Beispiel für ein Hukou-System betrachtet, dessen Voraussetzungen sich je nach Provinz unterscheiden können. In einen Hukou kann man hineingeboren werden oder ihn beantragen. Für die Beantragung des Shanghai-Hukou muss eine Person kumulativ mindestens sieben Jahre im Rahmen einer Arbeitsanstellung in das lokale Sozialsystem eingezahlt haben, mindestens 120 Punkte im Social Credit System erreichen und einen Test in ihrer jeweiligen Profession bestehen. Der Zeitraum von sieben Jahren kann verkürzt werden, wenn der Antragsteller mindestens das Doppelte des lokalen Durchschnittsgehalts verdient oder für ein Unternehmen arbeitet, das für die Provinz als förderungswürdig gilt, zum Beispiel eine Hightechfirma. Ferner kann der Hukou beantragt werden, wenn man mindestens zehn Jahre mit einem Bewohner Shanghais verheiratet ist. Es gibt zusätzliche Ausnahmen, die wie in Deutschland im Ermessensspielraum der Verwaltung liegen. Besitzt man einen ländlichen Hukou, so wird einem Landbesitz zugeordnet, den man auch bebauen kann. Eigentum bleibt wie immer bei der Regierung. Hukou-Inhaber in der Stadt Shanghai können zwei Immobilien erwerben, ohne den Hukou nur eine. Besitzt ein Ehepartner das Dokument und hat kumulativ fünf Jahre in das Sozialsystem eingezahlt, so ist auch der Erwerb von zwei Immobilien möglich.


Ferner entscheidet das Dokument auch über die Ausbildung. Die Gaokao muss dort abgelegt werden, wo man registriert ist, auch wenn man in einer anderen Provinz wohnt. Universitätsstudenten dürfen ihren Hukou in die Stadt ihrer Universität überführen, jedoch verfällt der Titel nach ihrem Abschluss. Kinder dürfen die öffentlichen Schulen nur besuchen, wenn beiden Eltern dem Hukou der Stadt zugeordnet sind, in der sie leben. Die Angst, diese Vorteile zu verlieren, veranlasst die Chinesen dazu, überlegter den Wohnort zu wechseln.


Implikationen für den Rekrutierungsprozess

Die Auswirkungen der Gaokao und des Hukou sollten im Hinblick auf Aussagen und Motivation von chinesischen Bewerbern während des Rekrutierungsprozesses berücksichtigt werden. In Deutschland wird ein Umzug schon fast vorausgesetzt und die sofortige Diskussion des Gehalts als Desinteresse an der Firma und mangelnder Wertschätzung des Angebots verstanden. Mit Blick auf das chinesische Ausbildungssystem wird klar, dass Eltern und Familie stark monetär und emotional in die Ausbildung ihrer Kinder investieren. Dies bedeutet, mit 18 Jahren steht ein chinesischer Teenager bereits unter einem Schulden- und Erwartungsdruck, lediglich resultierend aus der Schulausbildung. Während des Studiums suchen Chinesen oft schon den Lebenspartner und planen eine Familie. Dies bedeutet, spätestens mit dem Universitätsabschluss sollte zusätzlich Geld für Haus und Kind(-er) vorhanden sein. Die Eltern werden in China als Selbstverständlichkeit mitversorgt und es ist ebenfalls üblich, jüngere Geschwister – wenn vorhanden – sowie Verwandte mit Geld zu unterstützen. Versteht man den dadurch entstehenden finanziellen Druck, wird der Stellenwert des Einkommens für Chinesen nachvollziehbarer.


Die Darstellung und die Philosophie eines Unternehmens sind keineswegs zweitrangig in der Wertschätzung eines Bewerbers, jedoch nachrangig in der Bedürfnisskala. Selbstentwicklung und Work-Life-Balance stellen einen großen Luxus dar. Es ist immer wieder überraschend zu sehen, wie sehr sich chinesische Kandidaten mit einer Firma auseinandergesetzt haben und wie sehr sie die Firmenphilosophie schätzen. Jedoch können sie sich bei der Entscheidung oft nicht von eigenen Wünschen leiten lassen, sondern müssen entscheiden, wo sie am effektivsten viel Geld verdienen können. Im Gegenzug kann ein Arbeitgeber, der das Verständnis für die Bedürfnisse seine Mitarbeiter aufbringt, darauf setzen, dass diese sich für ihr Unternehmen entsprechend stark engagieren und dabei auch keine Überstunden und Wochenendarbeiten scheuen.


Dieser Artikel wurde von unserem Partner JP International Search Consultants, einem lizenzierten chinesisch-deutschen HR-Lösungsanbieter, erstellt.

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